GRUNDSÄTZE
INKLUSIONSORIENTIERTEN DENKENS UND HANDELNS
Grundsatz 8
Diagnostizieren und fördern
- ohne zu stigmatisieren
Grundsatz 2
Diagnostizieren und fördern ohne zu stigmatisieren
Förderdiagnostik dient als Ausgangspunkt und gleichzeitig als Erfolgskontrolle für die individuelle Förderung und soll grundsätzlich prozess- und kontextorientiert sein.
Dabei wird zwischen Eingangs- und Begleitdiagnostik unterschieden. In der Eingangsdiagnostik wird durch Screening-Verfahren, systematischen Beobachtungen und Gesprächen erörtert, welche Förderziele für das jeweilige Kind wichtig sind. Für die Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs und eine entsprechende Zuweisung von Ressourcen erhält man einen Überblick über die Risiken und Ressourcen des jeweiligen Kindes durch die Kind-Umfeld-Analyse, auch ICF-Analyse genannt (Textor, 2018). Dabei sollen Informationen von allen für die Förderung Beteiligten eingeholt werden, zu guter Letzt vom Kind selbst.
Mit dem Nutzen der Förderdiagnostik gehen allerdings auch Gefahren wie das «Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma» (Kornmann, 1994) und das «Förderungs-Stigmatisierungs-Dilemma» (Boger & Textor, 2016) einher. Mit dem ersten Dilemma ist das Spannungsfeld der inklusiven Arbeit und der Etikettierung «sonderpädagogischer Förderbedarf», mit welchem Ressourcen freigegeben werden, gemeint. Die diagnosebasierte Zuweisung von sonderpädagogischem Förderbedarf ist häufig mit zeitintensivem Aufwand verbunden und langwierig. Um dieses Dilemma aufzulösen und präventiv arbeiten zu können, wird nach pauschalen Ressourcenzuweisungen gefordert. Mit dem Förderungs-Stigmatisierungs-Dilemma ist das Dilemma gemeint, dass diagnostische Kategorien als Grundlage für pädagogisches Handeln notwendig sind und damit unbeabsichtigte Nebeneffekte erzeugt werden (Textor, 2018).
Laut Reich (2014) soll «das Konstrukt Förderbedarf nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern breite gesellschaftliche Gruppen von Benachteiligung, Aus- oder Abgrenzung, Diskriminierung, insbesondere arme Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und aus dem Mainstream herausfallende Gruppen wie z.B. Hochbegabte betreffen.» In einer inklusiven Schule wird der Begriff Förderbedarf zum Stigma, wenn er nur für bestimmte Gruppen oder Personen reserviert wird. Deshalb ist es sinnvoll, in einer inklusiven Schule den Förderbedarf für alle Schüler*innen festzustellen und Fördermassnahmen individuell als auch gruppenbezogen bereit zu halten, ohne die Nutzer*innen dabei stigmatisieren zu müssen.

ICF-Analyse

Im Bereich der Sonder- und Heilpädagogik ist das Ziel der Diagnostik den Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Verhalten, etc. aller Kinder zu identifizieren. Beeinträchtigungen sollten unter Berücksichtigung subjektiver, sozialer, situativer und temporärer Relativität gesehen werden. Eine kompetente Diagnostik erfordert die Verknüpfung von psychodiagnostischen Kompetenzen mit pädagogischen und didaktischen Kompetenzen (Bundschuh, 2019). Mit zunehmender Inklusion findet eine Ergänzung der klassischen statusdiagnostischen Verfahren durch förder- und prozessorientierte Verfahren von Diagnostik statt (Blumenthal & Mahlau, 2017, S. 341). Das ICD wird durch ICF-CY ergänzt. Die ICF-CY «nutzt eine gemeinsame Sprache und Terminologie, um Probleme mit den Körperfunktionen und -strukturen, Beeinträchtigungen der Aktivitäten und der Partizipation, wie sie sich im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter manifestieren, sowie die relevanten Umweltfaktoren zu erfassen» (De Camargo et al., 2020, S. 18) und geht somit von einem bio-psycho-sozialen Verständnis von Behinderung aus. Das Individuum wird im Kontext der Umwelt betrachtet, Förderfaktoren und Barrieren werden sichtbar gemacht mit dem Ziel Teilhabe zu ermöglichen.
Abb. ICF aus Bildungsdirektion Kanton Zürich (2010)
Literatur
Bildungsdirektion Kanton Zürich (2010). Schulische Standortgespräche. Ein Verfahren zur Förderplanung und Zuweisung von sonderpädagogischen Massnahmen. Verfügbar unter: https://www.zh.ch/content/dam/zhweb/bilder-dokumente/themen/bildung/informationen-fuer-schulen/informationen-fuer-die-volksschule/besonderer-bildungsbedarf/ssg/broschuere_schulisches_standortgespraech.pdf
Blumenthal, K. & Mahlau, K. (2017). Diagnostik und Inklusion. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 4/2017, 86. Jg., 340-342. http://dx.doi.org/10.2378/vhn2017.art38d
Boger, M.-A. & Textor, A. (2016). (2016): Das Förderungs-Stigmatisierungs-Dilemma, Oder: Der Effekt diagnostischer Kategorien auf die Wahrehmung durch Lehrkräfte. In B. Amrhein (Hrsg.), Diagnostik im Kontext inklusiver Bildung. Theorien, Ambivalenzen, Akteure, Konzepte (S. 79-97). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Bundschuh, K. & Winkler, C. (2016). Einführung in die sonderpädagogische Diagnostik. (9. Überarbeitete Auflage). München Basel: Ernst Reinhardt Verlag.
De Camargo, O. K., Simon, L., Rosenbaum, P. L. & Ronen, G. M. (2020). Die ICF-CY in der Praxis. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG. https://doi.org/10.1024/85764000
Kornmann, R. (1994). Von der prinzipiell nie falschen Legitimation negativer Ausleseentscheidungen zum Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma, oder: Gibt es überhaupt Perspektiven für eine Förderungsorientierte Diagnostik? Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 17 (1), 51-59.
Reich, K. (2014). Inklusive Didaktik. Weinheim: Julius Beltz GmbH & Co. KG.
Textor, A. (2018). Einführung in die Inklusionspädagogik. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.